Brauchtum in Schlesien

v. Prof. Dr. WALTHER STELLER


Schlesien ist eine deutsche Kulturlandschaft. Eingelagert in die deutsche  Mitte Europas ist auch schlesisches Brauchtum deutsches Brauchtum. Hierbei müssen wir bedenken, daß die Verbreitung des deutschen Volkstums im 13. und 14. Jahrhundert weiterhin nach dem Osten reichte, haben wir doch verbürgte Nachricht, daß der mächtigste der schlesischen Piasten Heinrich I., zubenannt der Bärtige, seine Ansprüche gegenüber polnischen Übergriffen mit Hilfe der deutschen Zünfte von Krakau und Breslau verteidigte. Aus den ostdeutschen Landschaften strahlte andererseits, getragen von dem Kulturwillen der deutschen Menschen und ihrer durch obrigkeitlichen Ruf bewirkten Verbreitung im osteuropäischen Raum - ich meine u. a. das Deutschtum in Galizien,  Wolhynien,  an der Wolga, im Banat, Siebenbürgen und so fort - das deutsche Brauchtum weit in den Ostraum hinein und wurde dem dortigen Volkstum vermittelt. Naturgemäß wurde manches Aufgenommene dann mit Worten der betreffenden Idiome bezeichnet. Das hat dazu geführt, daß gewisse Eigenheiten Ostdeutschlands dann fälschlich als slawisch bezeichnet wurden.

Es ist zudem noch eines zu bedenken: die Züge volkstümlichen Brauchtums  betreffen zumeist das bäürliche Brauchtum und schließen damit an die durch  die Natur gegebenen Grundlagen an. Diese sind aber sowohl im germanischen als auch im slawischen Raum weitgehend dieselben, wie wir auch berücksichtigen müssen, daß manche gemeinsame Wurzel in die bäürliche germanische Frühzeit hinabreicht und das Germanentum in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten bis  zu einer Linie im Osten siedelte, die Riga mit der Krim verband. Und da auf der Krim sogar noch im 16. Jahrhundert gotische Sprachreste aufgezeichnet wurden, kann der Einfluß der germanischen Volks- und Kulturbestandteile jener früheren  Zeit durch das folgende Slawentum nicht so ausgeschaltet sein, wie eine spätere Zeit es zu sehen beliebte. So sind für die Folgezeit strenge Trennungen oftmals nicht mehr möglich. Mit Nachdruck muß jedoch festgehalten werden, daß das slawische Volkstum sich einer intensiven Ackerbestellung abhold zeigte und daß bei ihm die Sammel- und die Viehwirtschaft im Vordergrund stand.

Ein anderer Teil des Brauchtums schließt an den Kirchenbrauch an, und es hat bald eine Verknüpfung beider stattgefunden. Denn zu jeder Zeit, auch in der vorchristlichen, war die Arbeit des Baürn religiös gebunden. Die Unberechenbarkeit der Witterungsumstände, die seine Arbeit jedoch entscheidend bestimmen, veranlaßt ihn zu einem Brauchtum, d. h. zu Handlungen, die ihm den Erfolg gewinnen sollen, sei es, daß sie fördernd wirken, oder Schädigendes fernzuhalten bemüht sind. Es war besonders die Zeit der großen jahreszeitlichen Wechsel, in denen er sich dabei selbsttätig  einzuschalten suchte.

Das Christentum fand ein solches Erbe vor, und die Kirche hat, sofern sie es nicht tilgbar bekämpfte, geduldet, zum anderen Teil übernommen, zu einer ihr angemessenen Formgebung umgestaltet und in ihre Übung mit einbezogen. So ist eine enge Verknüpfung von kirchlichen und agrarischen Bräuchen entstanden, und es ist für unseren hier vorliegenden Zweck nicht wesentlich, im einzelnen zu entscheiden, inwieweit ein Zug des heimatlichen Brauchtums der heidnisch  germanischen Vorzeit, dem Einfluß der mittelmeerischen Kultur oder dem kirchlichen  Anteil angehört, und in welcher Weise zwei oder drei solcher Qüllen zusammengeflossen sind, um sich als eine Brauchtumsform des Schlesiers zu bezeigen.

Wir sprechen hierbei vom Schlesier schlechthin, da wir die Landschaft Schlesien  in der Verbreitung ihres Volkstums vor uns sehen, zu dem auch Sudetenschlesien gehört. Brauchtum, wie auch Mundart und Tracht sind Gegebenheiten einer Gemeinschaft, sind nur denkbar in ihrer Bezogenheit auf eine menschliche Gemeinschaft. Es sind die für eine bestimmte Vielfalt von Menschen gegebenen Vorstellungen und Anschauungen, die bei gegebenem Anlaß bestimmte, nur ihr zukommende Handlungen auslösen. Diese können gruppenweise gleichförmig, sie können von anderen verschieden sein und damit kennzeichnende Gemeinschaftsbildungen schaffen. Tritt bei solcher Art des Handels in dem Gruppenzugehörigeit noch die Empfindung eines überlieferungsgebundenen, damit verpflichteten Verhaltens hinzu, so sprechen wir vom Brauchtum.
 

 

Kirchweih – Kirta – Kerwe

Veröffentlicht am 1.10.1972 von Robert Pfaff – Giesberg im schleisichen Gebirgskurier.
 

Unter den volkstümlichsten, ursprünglichen vorwiegend bäürlich – ländlichen Festtage in Deutschland ist bis in unsere folkloristisch so arm gewordene Gegenwart herein die Kirchweih der bekannteste und am weitesten verbreitete. Die Kirchweih – mundartlich Kirwe, Kerve, Kilbe im schwäbisch alemanischen, pfälzischen und mainfränkischen Raum – Kirchtag, Kirta im bajuwarischen und österreichischen Raum – Kirchmess, Kirmes in rheinischen, mittel- und ostdeutschen Gebieten ist auch als Markttag hochgeschätzt und trotz des Namens hauptsächlich eine weltliche Feier. Hier ist einer der Fälle, wo die christliche Kirche in kluger Weise ein altes Naturfest – Ernte- oder Herbstfest – zusammenfallen ließ mit einer eigenen religiösen Veranstaltung, dem Fest der Einweihung eines Gotteshauses und dem Namenstag eines bestimmten Patrons. Damit sanktionierte sie die ursprüngliche heidnische Bräuche und, indem sie Lustbarkeit aller Art dabei duldete, gab sie dem Patronizium in den Augen des Volkes Gewicht. Im Laufe der Jahrhunderte verlor sich der kirchliche Charakter der Kerwe mehr und mehr. Doch der Name des Festes blieb. Nur feierte die Kirche nun oft den Tag für sich liturgisch, dieweil draußen  die im schwäbischen Allerwelts – oder gar Sauallerweltskirwe – genannte Kirchweih um so turbulenter ablief. Die Gestaltung des Festes mit dem Aufrichten von Kerwebäumen, dem Einholen von reich geschmückten Kerwejungfraün und Kirbeburschen mit Musik, Tanz, Schmaus und Gelage, Spielen und Wettschießen, Einkaufen von Geschenken bei den Lebzeltnern und in den Marktständen, schließlich auch das Ausstellen und zeriemonelle Vergraben einer Strohpuppe – im Rheinland „der schääbige Zacheies“ genannt – vielerorts kaum von den Sitten bei Fastnachts-, Sonnwend- und Erntedankfesten zu unterscheiden. Es gibt noch heute Orte mit besonderer berühmter Kirchweih ( z.B. Verdener Domweih),zu der die Besucher von weit her kommen. Aber ein alter Spruch besagt: „Es ist kein Dörfchen so klein, im Jahr muß einmal drin Kerwe sein! Früher waren mehrtägige Kerwefeiern ( in Verden immer noch 6 Tage) allgemein. Es ging da hoch her und die niederländischen Maler des 16. Und 17. Jahrhunderts fanden hier dankbare Baürnszenen, die zweifellos bei Kirchweihfeiern in Deutschland nicht anders waren.

 

Wie man in Schlesien freite und heiratete

Veröffentlicht von Alfred Tost im schlesischen Gebirgsboten am 10.3.1966


Auch im schlesischen Brauchtum galt für unverheiratete Männer und für Mädchen die Regel: Wer über Eck sitzt, muß noch bis zur Hochzeit 7 Jahre warten. Es war für sie ein schlechter Trost, wenn man sie mit der Redensart zu beruhigen suchte: "Über Eck geht zürst weg!" - Ein Mädchen das sich beim Wäsche waschen - damals noch von Hand, mühsam auf dem Waschbrett! - Die Schürze sehr naß machte, bekam einen Säufer zum Mann. Ebenso dasjenige, das beim Tisch sang und dudelte. - Nähte sich eine Schöne ein Kleid, und stach sich dabei - natürlich ungewollt - in den Finger, dann bekam sie in diesem Kleide einen Kuß. -
Damals trug man noch langes Haar, das man zu Zöpfen flocht und sehr sorgfältig zu Nestchen oder Schnecken drehte. Da war es schlimm wenn eine Haarnadel oder -spange herausrutschte, weil man dadurch "einen Freier verlor". Kein schlesisches Mädchen pflanzte oder züchtete Myrthen. Das mußte schon vorsorglich die Mutter, die "Grußel" oder eine sonstige Verwandte übernehmen, denn wer "Myrthe baut, wird keine Braut". - Selbstverständlich wußten unsere jungen Schlesierinnen auch vielerlei über Liebeszauber Bescheid - wie wären sonst die vielen glücklichen Ehen zustande gekommen?! So trug man gern Liebesstöckel bei sich um einen jungen Mann zu fesseln. In Schreiberhau hat man in früheren Zeiten wohl gar ein Rabenherz in Wolfsriemen gebunden. In Kaiserwaldau schabte sich eine listige Maid etwas von ihren Fingernägeln ab und schmuggelte es geschickt ihrem Auserwählten ins Trinken oder in das Essen. Wieder andere legten sich einen Apfel in die Achselhöhle oder in den Schoß bis ein wenig Schweiß eingedrungen war. Diese also verzauberte Frucht ließ man von einem Mann essen. Wollte ein Mädchen jedoch einen unwillkommenden Bewerber los werden, so schenkte sie ihm - oder steckte ihm heimlich zu - ein Messer, eine Schere, eine Nadel oder ähnliches, was "die Liebe zerstach oder zerschnitt". War eine Zuneigung noch in den ersten Anfängen, so war verkehrt, von einem Teller zu essen oder aus einem Glas zu trinken. Grund: zu frühe oder zu große körperliche Nähe kann abstoßen. Wollte ein Freier untreu werden, so war es für die Verstoßene ratsam, um Mitternacht dreimal in eine geweihte Kerze zu stechen. War sich aber ein Paar einig, den Bund für das Leben zu schließen, so kam der Freier eines Sonntags zum "Bauschaun". In der guten Stube traf er den Vater der Auserwählten "zufällig" allein an. Bei Leobschütz hieß dieser Tag die "Freit". Der junge Mann sprach und zwar eher er sich setzte: "Eure Berta hat mir schon immer gut gefallen. Ich möchte, das ihr sie mir zum Weibe gebt." - Erst jetzt forderte der Vater zum Sitzen auf und erwiderte etwa: "Na, wir werden erst mit der Berta reden:" - Und er rief die Mutter, die sich eben so "zufällig" in einen Nebenraum befand (Küche). Zu ihr sagte der Vater: "Der Friedrich möchte unsere Berta haben. Was meinst Du dazu?" Die Mutter brachte prompt einen belanglosen Einwand, etwa: "Sie ist ja noch so jung." - In Wirklichkeit ist sie natürlich dafür und bekräftigt das, indem sie den beiden Männern die Hand gibt. Jetzt erst wird der Umworbene gerufen: "Berta, komm! Es ist jemand da!" - Wiewohl zwischen den jungen Leuten selbstverständlich schon "alles klar ist" ( und auch bei den Eltern ), sagt sie mit gespielter Überraschung: "Ja, wenn er mich mag!" - Nachdem nun, die Hauptsache "offiziell" geklärt ist wird nun zwischen den jungen Leuten keineswegs ein Kuß ausgetauscht, das wäre "schamlos" und "unanständig". - Stellenweise war es üblich, daß der Bräutigam jetzt seiner Braut ein Handgeld gab. Die Mutter verließ nun die gute Stube, um in der Küche einen Kaffee zu braün. In dieser Zeit besprachen Vater und Schwiegersohn die wirtschaftliche Seite der Heirat: Mitgift, Hofübergabe u. dgl. In manchen Gegenden Schlesiens kam in diesen Augenblick - natürlich auch wieder "zufällig" - der Dorfrichter oder ein Schöffe oder der Gerichts- oder Gemeindeschreiber, wenn nicht gar noch etliche Zeugen dazu, in deren Gegenwart alle Abmachungen schriftlich niedergelegt wurden. - Der Freitag - hier im westlichen Deutschland z.T. nach germanischen Brauch noch ein beliebter Hochzeitstag - war in Schlesien der ungeeignetste Wochentag zum Heiraten. Da hörte man sogar die Redewendung: "Am Freitag heiraten nur die gefallenen Mädchen." Auch der Montag war selten als Hochzeitstag.
Huxbitter und Züchtfrau spielten bei altschlesischen Hochzeiten noch eine große Rolle. Der Huxbitter lud, geschmückt mit hohen Hut, mit rosa Bändern und Schleifen vor der Brust, oft sogar beritten, die Hochzeitsgäste nach alt überlieften Formeln und Formen ein. Die Zücht- oder Bettfrau, in der Grafschaft Glatz war die Hauptverantwortliche für das Bettfuder. Der Bräutigam fand meist das Haus der Braut verschlossen, wenn er den Brautkram abholen wollte und mußte erst lange Verhandlungen führen bis er hinein gelassen wurde. Wurde das Brautfuder in ein anderes Dorf gebracht, so schritt häufig ein Mann mit einer brennenden Laterne voraus. Er "suchte den Bräutigam mit einen Licht". Auf keinen Fall durfte die Braut diesem Fuder nachschaün. Das hätte die Ehe unglücklich gemacht. In alter Zeit gehörte zum "Brautkram" ein Tisch, zwei Stühle, eine Eckbank, Flegel, Siebe für die Scheune und Haushalt., Rechen, Besen ( also eine vollständige Scheunenausstattung ), Obenauf lud man zwei Gebett Betten, das Spinnrad, ein (Sterdel-) Butterfaß mit leuchtenden Messingreifen. Die Braut durfte ihr Brautkleid auf keinen Fall allein nähen, sondern sie mußte sich dabei helfen lassen. Hier und da war es üblich, daß der Bräutigam das Brautkleid schenkte, während sie ihm das Brauthemd stiftete. Am Hochzeitstag erschien der Bräutigam mit dem Huxbitter im Hochzeitshause und fragte den Vater, ob er noch gewillt sei, ihm die Tochter zu geben. In Sabschütz wurde erst dem Hochzeiter eine falsche Braut zugeführt, die dicht verschleiert war, die "Spille - Grit." Meist ein altes Weib. Mit ihr mußte er tanzen. Da stellte er natürlich fest, es wäre nicht die richtige Braut. Da klapperte die "Spilla - Gritta" mit alten Scherben, behauptete aber es wäre Gold, was sie mit in die Ehe brächte. - Wenn es am Hochzeitstag viel regnete, würde die Braut in der Ehe viel weinen müssen, ebenso wenn es gewitterte ( bei Goldberg ). Andererseits war es gut, wenn der Braut einige Regentropfen in den Brautkranz fielen - aber nur einige ! "Hochzeitsregen bringt reichen Kindersegen." - Als ein böses Vorzeichen, wurde es gesehen wenn der Brautzug auf dem Wege zur Kirche bei einem offenen Grab vorbei schreiten mußte, ebenso wenn in der Kirche ein Licht erlosch. Blieb bei der Trauung ein Stuhl leer, so hieß es: "Da setzt sich der Tod drauf." - Beim Niederknien am Altar versuchte sich die Braut auf dem Rockzipfel ( "des Schwenkers") vom Bräutigam zu knien. Damit sicherte sie sich die Herrschaft in der Ehe. Ebenso damit, daß sie als erste über die Kirchenschwelle trat. Gern steckte sie sich für die Trauung Geld in die Schuhe, damit es in der Ehe nie ausgehe.

In Hagendorf mußte der Bräutigam vorher eine Silbermark schenken. Vor dem Altar müssen die Brautleute so dicht beieinander stehen, daß nicht zwischendurch ihnen gesehen werden kann; sonst schmuggeln sich nämlich Hexen und böse Geister zwischen sie. In Leobschütz kamen die Brautleute bei der Rückkehr aus der Kirche vor eine verschlossene Tür. In Niederschlesien mußte der junge Ehemann seine ihm angetraute Frau zu Hause erst über die Türschwelle tragen. In Katscher sprand das Brautpaar ins Haus über ein Handtuch. In Schwarzwaldau habe ich es noch vor dem letzten Krieg erlebt, daß die Altbäürin die eintretende Braut erst in das Herdfeür ihren neün Heimes schaün ließ. Die Altbäürin übergab damit symbolisch der jungen Frau das Herdfeür. An diesen kleinen Vorgang erkennen wir wieder einmal wie alt Bräuche sind. Der Brauch das Herdfeür in volle Verantwortung zu übernehmen, stammt aus graür Vorzeit, da das Feür das ganze Jahr hindurch peinlichst überwacht wurde, daß es nicht verlösche, weil es unsägliche Mühe kostete, ein neüs zu entzünden. Nicht nur Stunden- sondern tagelang mußte man damals trockenes Holz gegeneinander reiben, ehe ein Funken aufglimmte, der mit Vorsicht und Geschick zur Flamme entfacht werden konnte. - In Warmbrunn trat die Brautmutter beim Festmahl vor dem Bräutigam zum "Brautlösen". Dabei entspann sich etwa folgendes Gespräch: "Du hust ju deine
Braut noch nee eigelöst. Mer honn nu inser Selma anne schiene Aussteür gegahn. Do mußt de au woas  beitroan. Hie ieberrech ich derr an Toaler; do konnst de drulähn, woas de willst." - Der Bräutigam sträubte sich zum Schein: "Mich hot de Huxt suwiesu schunn ollerlei gekust't. Nu sol ich noch mer Weib keefa?" - Die Brautmutter: "Nu satt ock satt! Do kriecht a sulch a schmuckes und tichtiges Weibla und wiel nee amoale ann ruter Heller fer se gahn." Endlich ließ sich der Bräutigam erweichen und legte eingepackt einen einzigen Pfennig auf den Taler. - Natürlich wurde nun Unzufriedenheit laut. Neüs Verhandeln, bis der Bräutigam weitere Münzen auflegte: Zwei-, Fünf-, Zehnpfenniger, endlich Silberlinge oder gar "Goldfüchse". - Bei Neisse eröffnete den Tanz mit der Braut nicht der Bräutigam, sondern der Kretschmer ( Gastwirt). An der Iser bildeten dazu die Mädchen einen Kreis und nahmen den Bräutigam in ihre Mitte, die Junggesellen formten den anderen Kreis mit der Braut in der Mitte. Dem Brautpaar wurden die Augen verbunden. "Blind" wählten sie einen Tanzpartner. Die beiden Gewählten würden voraussichtlich das nächste Brautpaar im Dorf sein. - In Meffersdorf mußte die Braut ihren Freundinnen einen Abschiedskaffee geben. In den Kuchen wurde ein Ring eingebacken. Das Mädchen, das diesen Ring fand, würde die nächste Braut sein. Dort behauptete man auch, wenn zwei Schwestern zusammen Hochzeit feierten, würde die Ehe der einen glücklich, der anderen unglücklich. Ebenso war es in diesem Dorf üblich, daß alle Kosten, die bei einer Hochzeit im Gasthaus durch Tanz, Trinken usw. entstanden, nicht vom Brautpaar oder von den Brauteltern getragen wurden, sondern von den Hochzeitsgästen. Man nannte das die "Irte". - In Langenöls und in Görditzberg dagegen mußte das Brautpaar das "Freibier" spenden. - In Göllschau durfte die Brautmutter am Ehrentag ihrer Tochter auf keinen Fall eine Schürze umbinden. Der Sinn des Brauches liegt klar auf der Hand und beweist, daß vieles Brauchtum, soweit es nicht auf religöser, sittlicher und weltanschaulicher Basis gewachsen war, durchaus praktische und natürliche Gegebenheiten als Entstehungsursache hatte. - An der Iser zerriß man um Mitternacht den Brautschleier kurz und klein. Jeder Hochzeitsgast versuchte, ein Stückchen Schleier als Glücksbringer mit nach Hause zu nehmen. Anderswo wurde der Schleier nur ein wenig angerissen. Das Zerreißen brachte dem jungen Paar Glück. - Beim Schlafengehen versuchte die junge Frau, ihren Rock über die Hose des Mannes zu legen. Da war sie Herr im Hause. Der Mann gab sich wieder Mühe, seine Hose unter den Kopfkissen der Frau zu schmuggeln. - Wer zürst im Bett lag, starb zürst. - Der Sonntag nach der Hochzeit hieß im Kreis Landeshut "Brautsonntag". Da ging das getraute Brautpaar zum ersten Male gemeinsam zur Kirche. - Zu Großmutters Zeiten ( ca. 1900 ) trug die Braut in ihrem "Schubsacke" ( Tasche und Kleide ) während der kirchlichen Trauung noch das "Brautränftel" ( ein kleiner Kanten Brot! ). Das wurde dann in Brautlade im "Beikastla" ( kleines Nebenfach ) verwahrt. Dieses eingesegnete Brautränftel schimmelte nie. Das von meiner Mutter zeigte jedenfalls nie Schimmel.
Das Brauchtum, das sich um Liebe rankte, war in unserer Heimat so reich, daß hier nur eine kleine Auswahl genannt werden konnte.
 

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