Erfahrungsbereicht eines Raspenauers, geboren 1932!

 

Am 08. Mai 1945 verbreitete sich in unserem Dorf Raspenau die Nachricht, dass sich die Sowjettruppen in unmittelbarer Nähe befanden. Ob damals bekannt war, dass der Krieg bereits beendet war, kann ich nicht sagen. Jedoch hatte man von der öffentlichen Propaganda, wie auch von Betroffenen erfahren wie sich die Russen woanders verhalten haben. Auch mehrere Flüchtlingstrecks waren durch das Dorf gezogen. So entschlossen sich viele Familien am frühen Morgen des 09. Mai zur Flucht! Wir sollten jedoch bald erfahren, dass wir viel zu spät damit gewesen sind und wie sinnlos dieses Vorhaben war.

 

Wir waren mit einem Ochsenkarren und dem nötigsten Hab und Gut auf der damals so genannten Adolf-Hitler-Bergstraße Richtung Westen nach Schömberg unterwegs. Auf dem Weg dorthin muss man einen steilen Kamm überwinden, das Dorf ist hauptsächlich von Osten, also Friedland, her ans Strassennetz angebunden. Auf halbem Wege kamen uns aber bereits wieder Leute entgegen, da in Schömberg, das zwar westlich liegt aber leichter erreichbar wart, bereits die russischen Truppen eingezogen waren. Also blieb uns nur der Weg zurück nach Raspenau. Meine Groß- und Urgroßeltern hatten uns nicht begleitet, sie wollten sich im nahen Wald verstecken und hofften, bis das schlimmste überstanden war, nicht entdeckt zu werden.

 

Wieder in Raspenau bot sich uns ein absolut unerwartetes Bild: die russischen Truppen waren nicht im Ort, lediglich vier oder fünf Soldaten mit einem Panjewagen rasteten an der Straße! Ich hab nie dieses eigentlich friedliche Bild, das sich uns bot, vergessen, obwohl wir große Angst hatten und immer noch nicht wussten, was uns nun erwarten würde. Tatsächlich war der Haupttross, wie wir ja kurz zuvor erfahren hatten, von Friedland her ab Rosenau die Merkelsdorfer Straße Richtung Schömberg gezogen.

 

Die Repressalien, die wir in dieser Zeit erleben mussten, waren wohl im Vergleich zu dem was die Menschen in anderen Orten mitgemacht hatten, eher gering. Es wurden mitten in der Nacht Häuser nach nützlichem durchsucht, von Misshandlungen und Vergewaltigungen jedoch hab zumindest ich als Kind weder etwas mit bekommen, noch später davon erfahren. Lediglich der örtliche Förster wurde kurzerhand erschossen, weil man bei ihm natürlich, Gewehre gefunden hatte. Nach wenigen Tagen zogen auch diese Soldaten weiter. Ich kann mich auch nicht erinnern je wieder Sowjetsoldaten im Ort gesehen zu haben. Erst im August kamen dann die ersten aus der Ukraine vertriebenen Polen!

 

Raspenau war wahrscheinlich aufgrund seiner sehr abgelegenen Lage ein uninteressantes Gebiet auch für Plünderungen. Hauptsächlich lebten dort Bauern, die sich nur mit Mühe und viel Arbeit ernähren konnten. Überhaupt hatten die Sowjets das Riesengebirge auf dem Weg nach Berlin im wahrsten Sinne des Wortes "links liegen gelassen"! Erst nach Kriegsende wurde es besetzt. So wurden wir auch von Kampfhandlungen verschont. Ich musste  als damals 12jähriger mit der HJ noch am 1. Mai nach Waldenburg fahren, dort fand im Stadion eine Trauerfeier zum Tode Hitlers statt!!!!

 

Mein Vater, der im Krieg als Sanitäter eingesetzt gewesen war, hatte im März Heimaturlaub bekommen und konnte im Anschluss nicht mehr zu seiner Einheit nach Bad Kreuznach zurück, da dort bereits die Amerikaner waren. Also meldete er sich in Waldenburg und verrichtete dort seinen Dienst. Wenige Tage vor Kriegsende schickte ihn ein Vorgesetzter mit den Worten: "Gehen sie heim zu ihrer Familie, die braucht sie jetzt dringender" nach Hause. In Zivil machte er sich auf den Fußweg und war die letzten Kriegstage und vor allem danach bei uns! Man darf nicht darüber nachdenken, daß er auf dem Weg auch von SS-Leuten hätte angehalten und der Fahnenflucht bezichtigt werden können!? So überstand er jedenfalls den Krieg ohne Verwundung und Gefangenschaft!

 

Die folgende Zeit war, trotz dieses anfänglichen, in vergleichbaren Umständen Glück das wir hatten, äußerst hart. Es herrschte überall Mangel und die Polen verdrängten uns aus allen Bereichen! Um endlich mal wieder etwas essbares zu bekommen hatte meine Mutter eines nachts im Stall heimlich ein Kalb geschlachtet und komplett zerlegt. Da ihr bei Entdeckung ganz sicher der Tod gedroht hätte, hat sie zuvor niemandem davon erzählt.

 

Genau ein Jahr nach Kriegsende, am 08. Mai 1946, kam dann für uns der Räumungsbefehl! Wir mussten innerhalb von 20 Minuten alles was ging zusammen packen. Über Waldenburg und Kohlfurt ging es dann nach Niedersachen....

 

Erst 48 Jahre später bin ich wieder in Raspenau gewesen!

 

 

 

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Publikationsstand dieser Seite:31/05/10

 

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