Hier der Bericht meiner Mutter vom Kriegsende in Wüstewaltersdorf/
Eulengebirge und im Reimsbachtal/Waldenburger Bergland.

1945 - Mai

Was mache ich nur?

Die Russen kommen!

Sie werden mir die Kinder wegnehmen, uns nach Sibirien schicken

und was wird man sonst noch mit uns tun?

Am 8.Mai, einen Tag nach meinem 31.Geburtstag, ging ich früh gegen 4.00 Uhr
zum Chef von meinem Mann, Direktor Willner. Fritz war ja, bis zur
Einberufung, als Buchhalter bei Websky, Hartmann Wiesen angestellt. Das war
mein Strohhalm! Mein Schwiegervater, Karl Leistritz, arbeitete auch noch
dort, als Stuhlmeister, und zuvor auch sein Vater, Gottlieb Leistritz. Herr
Willner riet mir, in den Fabrikhof zu gehen, wo zwei Last­autos in Richtung
Grenze zum Amerikaner abfahren würden. Viel­leicht nähmen sie mich mit. Sie
taten es und nahmen mich mit den Kindern, Edith mit ihrer Puppe, ein oder
zwei Koffern und zwei Kopfkissen mit. Mit Mühe und Not kamen wir, die
Straßen waren von deutschem Militär - alles Richtung Grenze - verstopft, bis
ins Reimsbachtal. Da ging das erste Auto kaputt. Wir aus dem zweiten Auto
mußten der Besatzung aus dem ersten Auto weichen und aussteigen. Da standen
wir nun wieder - eine Grup­pe von 3-4 älteren Männern und 8-10 Frauen.
Leider weiß ich die Namen nicht mehr.

Frau Güttler hat mir geholfen, und sich an einige Namen erin­nert. So
dürften dabei gewesen sein: Frau Irene Güttler mit Eltern, Frau Erna
Fellmann und Sohn Hansel, Frau Frenzel mit Töchtern und ein Apotheker mit
seiner Frau, der bei Herrn Kaminski arbeitete.

Die Russen sind dann am 8. Mai, nachmittags, von den "Sieben-Kurfürsten"
(Paßhöhe, Richtung Reichenbach) nach Wüstewaltersdorf gekommen. (W.L.)

Die Männer nahmen unsere Gepäckstücke und brachten sie in ein nahegelegenes
kleines Gasthaus in Sicher­heit. Die Russen kamen uns ja schon entgegen! Wir
versuchten ihnen auf Seitenwegen auszuweichen und wieder die Richtung Heimat
einzuschlagen. Angstvoll beobachteten wir einen langen Zug Mongolen
vorbeiziehen. Man erinnerte sich an die vielen Gerüchte, die bei uns
umgingen. Es gab ja keine Zeitung, kein, Radio, nichts. In der Nacht
wanderten wir über Wiesen, Äcker, durch Wald, Gebüsch und Morast. Die armen
Kinder an meiner Hand stolperten über jede Unebenheit mit mir mit. Wir waren
naß, schmutzig und froren jämmerlich. Es schoß und knallte immer um uns
herum. Gegen Morgen machten wir Rast in einem Wald. Wolfgang und Edith
schliefen vor Übermüdung sofort ein.

Ein paar deutsche Soldaten begegneten uns, die sich auch versteckt hatten.
Sie meinten, es soll Waffenstillstand sein. Wir hörten aber immer noch
Schüsse.

Als wir aus dem Wald auf die Straße traten, liefen wir direkt einer Gruppe
russischer Soldaten in die Arme. Wir mußten alle unsere Hände heben. Mich
hatte niemand auf diesen Mo­ment vorbereitet, so büßte ich meinen Trauring
und einen anderen Ring auf der Stelle ein. Andere waren schlauer gewesen!
Das war in der Nähe von Rudolfswaldau. Am Abend kamen wir dann endlich im
Wüstewaltersdorfer Ortsteil Grund an. Nach Wüstewaltersdorf trauten wir uns
an diesem Abend noch nicht. Das mußte ich bitter bereuen! Wir kamen bei
Bekannten meiner Nachbarin und Freundin, Erna Fellmann, unter. Vier
russische Soldaten fanden die Tochter des Hauses und mich. Wir erlitten das
Schicksal ungezählter deutscher Mädchen und Frauen im Osten.


Rückkehr

Am nächsten Morgen beendeten wir die Odyssee und kehrten nach
Wüstewaltersdorf zurück. Meine Wohnung fand ich so vor, wie ich sie
verlassen hatte.

Wir kamen aber nicht zur Ruhe. In den Nächten zogen russische Soldaten herum
und wollten in die Häuser eindringen. Wir, Frau Fellmann mit ihrem Jungen,
meine Kinder und ich schliefen mehrere Nächte in einem anderen Haus. Die
verbliebenen Männer saßen nachts hinter der Haustür, als Wache. Wenn nun die
Sol­dateska an die Haustür donnerte und Einlaß begehrten, zogen sie wieder
ab, wenn sie die Reihe Männer sitze sahen. Da nach haben wir noch einige
Woche auf dem Wäscheboden in unserem Haus geschlafen. Die zwei alten Männer,
die noch im Haus waren (Herr Gebauer, Herr Berger?), rückten uns immer einen
Schrank vor die Tür. Es herrschte auf den Straßen viel Unruhe. Wir schliefen
kaum, vor Angst, daß die Kinder schreien und uns verraten würden.

Ich erinnere mich noch, wie wir von den Dachfenstern aus durchziehende
russische Truppen beobachteten. Dabei fielen Ausrufe, wie -" Dort, lauter
Mongolen", oder -" Das sind ja Flintenweiber"! (W.L.)

Einige Tage nach unserer Rückkehr vom Reimsbachtal brachte uns jemand von
unserer Gruppe die Koffer und Kissen zurück. Darüber habe ich mich sehr
gefreut, leider weiß ich auch nicht mehr, wer es war.

Nun begann die große Hungerszeit. Das war das Schlimmste von allem. Wer
nicht erlebt hat, wenn Kinder hungern müssen und man ihnen einen gefundenen
Apfel wegnehmen muß, weil daraus eine Soße gekocht werden konnte, soll auch
nicht darüber reden. Mit Freude brachten mir die Kinder eine im Bach
ge­fundene Kartoffel. Sie wurde zum Hauptbestandteil einer Mahlzeit. All das
Bittere vergesse ich mein Lebtag nicht. Damals habe ich viel Pilze, Holz und
Tannenzapfen aus dem Wald geholt. Die Pilze halfen uns über die schlimmste
Zeit hinweg. Als hätte die Natur unsere Not erkannt, es gab besonders viele
Pilze.

Zur Verfügung gestellt von Wolfgang Leistritz

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Publikationsstand dieser Seite:31/05/10

 

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