Die “Befreiung”

 

Tulle woarsch di ganze Nacht,

` s hoot gedunnert und gekracht.

Morgas frieh om achta Mai

 ruckta di ”Befreier” ei.

 

Die kee reens Gewissa hotta,

ginga  vorher durch di Loppa,

und ma muuߑs dan Leuta loon,

die hon warklich gutt getoon.

 

Uff derr Strooße ward nie Ruh.

Tag und Nacht und immerzu

kimmt Kolonne uff Kolonne:

griene Woane, braune Manne.

 

Jitz poß uuf und gib gutt acht!

Jitz ward “zappzarrapp” gemacht.

Di Geschäfte warn geplindert,

kenner doo, dar doas verhindert.

 

Flichtlingszige machta kehrt,

ausgeplindert, ausgeleert.

Doo und durt sein di “,Befreier”

drieber har als wie di Geier.

 

Uff derr Strooße, jedes Haus,

ieberoal sitts wieste aus.

Scharba hoots ei gruußer Zoahl,

Dreck und Lumpa ieberoal.

Und ma sitt halt, wu ma gieht,

doß ma ein kenn Scheißdreck tritt.

 

Goartazäune stiehn eim Wäge,

droagefoahrn! — jitz stinse schräge.

Auto hon di Pflicht getoon -

z‘sommagefoahrn und stiehn galoon.

 

Iebroalhie konnst dich nie wooga,

machst ok immer gruuße Boga.

Konnste dich nie schnell verziehn,

mußte miet rabotta giehn.

 

Wie di fremda Leut halt sein,

jeder kimmt, dich zu befrein.

Daürnd giehn si uuf un ob,

macha feste zappzarrapp.

 

Sucht asu a Lausebube

"Partisanen" ei dem Schube!

Giehst uff Arbeit, giehst uff Tur:

"Pan herbei! Gib deine Uhr!"

 

Kaum vergassa dar Verdruuß,

biste oh dei Foahrroad luus,

wenn di oh enn Ausweis hust,

darde schwer Penunse kust,

unbeacht‘ bleit deine Bitte,

außer, du hust Wodka miete.

 

 

Dan ,,Befreiarn” jedenfolls,

dan gefällt halt äbenst olls:

Schuhe, Kleeder, Geld und Schmuck,

und si kriega nie genug.

 

Miech hoot niemand ausgezoin

seit menn arschta Kinderjoahrn,

oaber jitz als aaler Moan

koan iech doas Vergniega hon.

 

Wos iech ganz und gear verfluche,

sein di nächtlicha Besuche.

Konnst nie schloofa ei derr Nacht,

weils dich daürnd wilde macht.

 

O,bewoahre, lieber Goot,

olls wos Rook und Scharze hoot!

Nie miet Worta, nie ei Bildarn

koan ma diese Schande schildarn.

 

Monchmool huste— welch Pläsier! —

Befreier miet ei dem Quortier.

Tu nie miet a Stiefeln gruß!

En schien Tags, do bist si luus.

 

Zahnter Juli, stieht geschrieba,

inse Durf ward ausgetrieba.

Tag und Nacht gieht jitz derr Morsch

mit Bewachung, oaber forsch!

Biste schlopp, konnst nie anooch,

mim Kulba kriegste ees uffs Looch.

 

Währenddam ziehn frank und frei

andere eim Durfe ei:

Frau ferr Frau und Moan ferr Moan

kumma jitz Zivilbefreier oan.

 

Jitz ward langsam Polakei,

täglich traffa Neü ei:

Männer, Weiber, Kinder,

nischt wie lauter Vagabinder.

 

Wennde die Gesichter sist,

wißte schun, wu droa de bist,

und wos die arscht tun und treiba —

dicke Bicher kennt ma schreiba!

 

Andre Noama ferr di Orte,

andre Menscha, andre Worte.

,,Hotsch” heeßt ,,kumma”, und a jeder weeß:

"Chläb” heeßt ,,Brut” (merr hon bluß kees).

 

Stork belät ward Hof und Haus,

di Besitzer schmest ma naus.

Dar und jener koan noo blein,

ar ies derrheeme bluß zum Schein.

 

Und di Fremda bei der Nuppern Lene

schwinga olle gruuße Teene,

sein nu Harr und Froo am Hofe,

macha Stoat wie anne Zofe.

 

Ei di Karche gieht an jede

ei em schien geklauta Kleede.

Mäntel hon si, prima Schuhe

und a scheußliches Getü.

 

Prima uba, prima unda,

olls ei Schlesien ,,gefunda”.

Ihre Klunkarn, satt ok siste,

liega jitz goar uff‘m Miste.

 

Oo dar Kittel, dar zerzauste,

und dos Hemde, dos verlauste.

Stanislaus, ihr lieba Leute,

wos wear ar, und wos ies ar heute?

 

Bargermeester ei sem Reiche,

war ies sulcha Leuta gleiche?

Ar ies Harr, derr Harr ies Knecht,

Stanislaus, doas ies a Hecht.

Vieh und Aarn, die brenga Scheine,

die —-natierlich—        die sein seine.

 

Oageschrieba konnste‘s sahn:

Dies und doas ies obzugahn.

Wenn doas ward erlädigt sein,

ward derr nie viel iebrig blein.

 

Dei Motoarroad biste luus,

is macht derr wetter kenn Verdruß.

Is plotzt derr oo kee Foahrroadreefa,

brauchst kenn Schlauch, kenn Mantel keefa,

brauchst kee Geld ferr Repratur

ferr die Stiefel, ferr di Uhr.

 

Dos Radio, is wear dei Spoaß.

Ma noahm dersch weg, nu giehts oh ohne doas.

Und di schrille Weckerstimme,

die erschrickt dich jitze nimme.

Woar dar Wecker dir o teür,

jitz erschrickt a di Befreier.

 

Wosde miehsam hust erschunda,

hoot en andern Harrn gefunda,

hust gedorbt uff monches Ding

lange, lange. Weg woarsch flink.

Furt ies monches schiene Sticke,

kimmst derr fier wie Hans eim Glicke.

 

 

Schoffste oo goar Manches naus,

eim Verstecke frißt‘s di Maus.

Wu‘s oo hietust, wie gesoat,

luus bistes uff jede Oart.

 

Konnste ei dem Hause blein,

nu, doo huste oaber Schwein.

Doch is hoot nischt zu bedeuta,

is gehärt ju andarn Leuta,

bis uff doas uff denner Brust,

wosde uff‘m Leibe hust;

oaber niemand garantiert,

eeb dersch morne noo gehiert.

 

Doßdes wißt: Wos deine woar,

gieht dich nimme nischt meh oa.

Hust dich äbenst obgefunda,

s ies ju alls ei”guda Hända”.

 

Wos stets recht woar, ies verkehrt.

Wos nischt taugt, hoot sich bewährt.

Eigelucht sein die Verkehrta,

bluß nie die, die neigeheerta.

 

Is ward derr monchmool siedend heeß,

warscht ollmählich ganz nervös.

Du warscht fartig im die Barne

und is lät sich uffs Geharne.

 

Garne, garne mecht ma ziehn,

is ies warklich nimme schien,

huffst uff dan und jen Termin.

Zeitung konnste keene kriega,

wos di Leute soan, sein Liega.

 

Noo elf Moonda sistes ei:

Jitze biste richtig frei.

Du labst, vu ollem nu befreit,

wie derr Mensch zu Christi Zeit.

 

 

Biste jitz befriedigt, hee?

Och, wuhaar, noo lange nee.

Denn derr Maga meckert bluß,

dar ies goar uffte arbeitsluus.

Goarzuviel jitz muuß ma dorba,

moncher vu ins, da ward starba.

 

Freiheit, o du gruuße Pleite!

Und trotzdem soan di Leute:

Eemeol gibts wieder Wurscht und Baba,

die nie starba, warns derrlaba.

Dieses Gedicht hat mein Landsmann G.Langer aus Reußendorf im Nachlass seiner Eltern gefunden. Es ist 1945 / 46 in Waldenburg und Umgebung entstanden und durch Abschreiben überliefert. Der oder die Verfasser sind nicht bekannt.

 Wolfgang Leistritz

NavUp34
NavUp33

Die “Befreiung”

 

Toll war’s die ganze Nacht

es hat gedonnert und gekracht

Morgens früh am achten Mai

rückten die “Befreier” ein.

 

Die kein reines Gewissen hatten,

gingen vorher durch die Lappen,

und man muss es den Leuten wirklich lassen,

die haben es gut getan.

 

Auf der Straße war nie Ruh.

Tag und Nacht und immerzu

kommt Kolonne auf Kolonne:

grüne Wagen, braune Männer

 

Jetzt pass auf und gib gut acht!

Jetzt wird “zappzapp” gemacht,

Die Geschäfte werden geplündert,

keiner da, der das verhindert.

 

Flüchtlingszüge machen kehrt,

ausgeplündert, ausgeleert.

Da und dort sind die “Befreier”

darüber her so wie die Geier.

 

Auf der Straße, jedes Haus,

überall sieht’s wüst aus.

Scherben hat’s in großer Zahl,

Dreck und Lumpen überall.

Und man sieht halt zu, wo man geht,

 das man in keinen Scheißdreck tritt.

 

Gartenzäune stehen im Wege,

draufgefahren! - jetzt stehen sie schräge.

Autos haben ihre Pflicht getan -

zusammengefahren und stehengelassen.

 

nirgendwohin kannst du dich wagen,

machst auch immer große Bogen

Kannst du dich nicht schnell verziehen,

musst du arbeiten gehen.

 

Wie die fremden Leute halt sind,

jeder kommt dich zu befreien.

Daürnd gehen sie auf und ab,

machen feste “zappzappzapp”.

 

Sucht da so ein Lausbube

“Partisanen” in dem Schubkasten!

Gehst du auf die Arbeit, gehst du auf Tour:

“Pan herbei! Gib deine Uhr!”

 

Kaum vergessen der Verdruss,

bist du auch dein Fahrrad los,

wenn du auch einen Ausweis hast,

der viel Geld kostet,

unbeachtet bleibt die Bitte,

außer, du hast Wodka mit.

 

 

Den “Befreiern” jedenfalls,

denen gefällt halt eben alles:

Schuhe, Kleider, Geld und Schmuck,

und sie bekommen nie genug.

 

Mich hat niemand ausgezogen,

seit meinen ersten Kinderjahren,

aber jetzt, als alter Mann,

kann ich das Vergnügen haben.

 

Was ich ganz und gar verfluche,

sind die nächtlichen Besuche.

Kannst nicht schlafen in der Nacht,

weil es dich daürnd wild macht.

 

Oh, bewahre lieber Gott,

alles was Rock und Schürze hat!

Nicht mit Worten, nicht mit Bildern

kann man diese Schande schildern.

 

Manchmal hast du - welch Pläsier!-

Befreier mit im Quartier.

Tu nie mit Stiefel groß,

eines schönen Tages bist du sie los.

 

Zehnter Juli, steht geschrieben,

ins Dorf unser Dorf wird ausgetrieben.

Tag und Nacht geht jetzt der Marsch,

mit Bewachung, aber forsch!

Bist du schlapp, kannst nicht mehr hinterher,

mit dem Kolben kriegst du eins auf den Hintern.

 

Währenddessen ziehen frank und frei

andere in dem Dorfe ein:

Frau für Frau und Mann für Mann

kommen jetzt Zivilbefreier an.

 

Jetzt wirds langsam Polnisch,

täglichen trafen Neü ein:

Männer, Fraün, Kinder,

nichts als lauter Vagabunden.

 

Wenn du die Gesichter siehst,

weißt du schon, woran du bist,

und was die erst tun und treiben -

dicke Bücher könnt man schreiben!

 

Andere Namen für die Orte,

andere Menschen, andere Worte.

“Hotsch” heißt “kommen”, und ein jeder weiß:

“Chläb” heißt “Brot” (wir haben bloß keins).

 

Stark belagert war Hof und Haus,

die Besitzer schmeißt man ´raus.

Dieser und jener kann noch bleiben,

er ist daheim nur so zum Schein.

 

Und die Fremden bei Lene Nupper

schwingen alle große Töne,

sind nun Herr und Frau auf dem Hof,

machen Staat wie eine Zofe.

 

In die Kirche geht ein jeder

in einem schönen, geklauten Kleid.

Mäntel haben sie, prima Schuhe

und ein scheußliches Getü.

 

Prima oben, prima unten,

alles in Schlesien “gefunden”.

Ihre dicken Schmuckstücke, seht nur, siehste,

liegen jetzt auf dem Mist.

 

Auch der Kittel, der zerzauste,

und das Hemd, das verlauste.

Stanislaus, ihr lieben Leute,

was war er und was ist er heute?

 

Bürgermeister in seinem reiche,

kommt solchen Leuten gleich?

Er ist Herr, der Herr ist Knecht,

Stanislaus, das ist ein Hecht.

Vieh und Ähren, die bringen Scheine,

die - natürlich -  die sind seine.

 

Angeschrieben kannst du sagen:

dies und das ist abzugeben.

Wenn das erledigt sein wird,

wird dir nicht viel übrig bleiben.

 

Dein Motorrad bist du los,

es macht dir weiter keinen Verdruss.

Es platzt dir weiter auch kein Fahrradreifen mehr,

brauchst keinen Schlauch, keinen Mantel kaufen,

brauchst kein Geld mehr für Reparaturen

für die Stiefel, für die Uhr

 

Das Radio, es war dein Spaß.

Man nahm dir´s weg, jetzt geht´s auch ohne das.

Und die schrille Weckerstimme,

die erschrickt dich jetzt nicht mehr.

War der Wecker dir auch teür,

jetzt erschrickt er die Befreier.

 

Was du mühsam hast erschunden,

hat einen anderen Herrn gefunden,

hast gederbt für manches Ding

lange, lange. Weg war´s schnell.

Fort ist manches schöne Stück,

kommst dir vor wie Hans im Glück.

 

 

Schaffst du auch manches raus,

im Versteck frisst es die Maus.

Wo du es auch hintust,

los bist du es auf jede Art.

 

Kannst du im Haus bleiben,

na, da hast du aber Schwein.

Doch es hat nichts zu bedeuten,

es gehört ja anderen Leuten,

bis auf das auf deiner Brust,

was du auf dem Leibe hast;

aber niemand garantiert,

ob es dir morgen noch gehört.

 

Dass du es weißt: Was deines war,

geht dich nichts mehr an.

Hast dich eben abgefunden,

es ist ja alles in “guten Händen”.

 

Was stets recht war, ist verkehrt,

Was nichts taugt hat sich bewährt.

Eingekerkert sind die verkehrten,

bloß nicht die, die hinein gehörten.

 

Es wird dir manchmal siedendheiß,

wirst allmählich ganz nervös.

Du wirst fertigt um den Kopf (die Birne)

und es legt sich aufs Gehirn.

 

Gerne, gerne möchte man ziehen,

es ist wirklich nicht mehr schön.

hoffst auf den und jenen Termin.

Zeitung kannst du keine kriegen,

was die Leute sagen, sind Lügen.

 

Nach elf Monaten siehst du ein,

Jetzt bist du richtig frei,

Du lebst von allem befreit,

wie der Mensch zu Christi Zeit.

 

 

Bist du jetzt zufrieden, hä?

Ach woher, noch lange nicht.

Denn der Magen meckert bloß,

der ist öfter arbeitslos.

Gar zu viel muss man jetzt darben,

mancher von uns der wird sterben.

 

Freiheit, oh du große Pleite!

Und trotzdem sagen die Leute:

Einmal gibt´s wieder Wurst und Babe (Kuchenart),

die nicht sterben werden es erleben.

Leer06
Zur RSS-Feed Seite
Unser Online Shop

Publikationsstand dieser Seite:23/06/08

 

DSL Banner Nr. 15 

Die Befreiung 2