Von Eva Krafczyk
Warschau, 19. 2. (dpa)
Jerzy Gorzelik, Leiter der Bewegung für Autonomie Schlesiens (RAS), hat keinen Grund, die gelb-blaüe Fahne seiner oberschlesischen Heimat zu schwenken, Gerade hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den polnischen Behörden Recht gegeben. Es gebe keine Nationalität der Oberschlesier, entschieden die Richter. Eine Einspruchsmöglichkeit gibt et nicht „Damit ist die Frage eines schlesischen Nationalgefühls nicht abgeschlossen", meint Gorzelik beinahe trotzig.
Für die polnischen Behörden wie auch für die Straßburger Richter sind die Menschen in den oberschlesischen Regionen Kattowitz und Oppeln, die seit 1997 um die Anerkennung als nationale Minderheit streiten, eine Mischbevölkerung - ethnische Polen oder Deutsche, je nach sprachlich-kultureller Bindung, aber keine eigene Nationalität wie die Sorben oder Lemken.
Doch 173.000 Menschen sahen das bei der Volkszählung vor zwei Jahren anders. Sie bekannten sich im Fragebogen zu einer oberschlesischen Nationalität, die darin überhaupt nicht aufgelistet war. Die Bevölkerungsgruppe mit der von Ihr beanspruchten Nationalität, die es nicht geben sollte, wurde mit ihrem Bekenntnis zur oberschlesischen Eigenständigkeit zur grössten Minderheit, Nur knapp 153.000 Menschen bekannten sich seinerzeit zur deutschen Nationalität, die Weissrussen folgten mit knapp 49.000.
Die Menschen in anderen Landesteilen Polens hören den »richtigen Oberschlesiern" ihre Herkunft schnell an. Denn in deren Polnisch mischen sich allzu sehr deutsche und tschechische Ausdrücke, Erbe der Vielvölkerregion. Mit ihrem arbeitsamen Naturell können sie sich mit vielen Ihrer polnischen Landsleute so gar nicht identifizieren. Einen deutschen Pass beantragen und nach Deutschland auswandern wollen sie auch nicht. Denn sie fühlen sich weder als Polen noch als Deutsche, sondern als Minderheit mit eigener Sprache, Tradition und Kultur.
Zwischen den Nationalitäten stehen die Oberschlesier nicht zum ersten Mal. Als Polen nach dem Ersten Weltkrieg wieder als unabhängiger Staat entstand, gerieten sie zwischen die Fronten. In einer Volksabstimmung, in der sich Deutschland und Polen gegenseitig der Fälschung bezichtigten, sollten sie für Deutschland oder Polen votieren. Die Wahlentscheidung entzweite Familien und Nachbarn. Wer sich im Zweiten Weltkrieg auf die deutsche Volksliste setzen liess, galt nach 1945 als Verräter. Lange waren die so genannten Autochthonen, die alteingesessenen Oberschlesier, Repressalien ausgesetzt.
Hintergrundbericht der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 20. Februar 2004
Publikationsstand dieser Seite:15/06/08