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[....] gesehen und fand sie sehr interessant. Aus zwei Gründen: Zum einen wegen der grundsätzlichen Frage, was eine ethnische Minderheit ist, zum andern wegen der besonderen Frage der sogenannten Schlonsaken bzw. der Frage, ob es diese gibt. Die erste Frage ist eher schwer zu beantworten, man denke etwa an Bayern oder Plattdeutschsprachige. Könnten Bayern in Deutschland Rechte einer ethnischen Minderheit geltend machen? Zumal ja die Friesen diese Rechte haben, genauso wie Sorben und Dänen! Könnten die Menschen, die das Niederdeutsche (es ist in mehreren deutschen Bundesländern als Regionalsprache anerkannt und durch die Europäische Charta der Minderheitensprachen besonders geschützt) als Muttersprache haben, die Rechte einer ethnischen Minderheit geltend machen? Ähnlich sieht es in anderen Ländern mit ethnischen Bestandteilen aus, die durch religiöse oder sprachliche Eigenheiten oder durch historische Entwicklungen so weit vom Staatsvolk verschieden sind, dass fraglich ist, ob sie ein eigenes Volk darstellen.
Die zweite Frage ist eine von Missverständnissen gekennzeichnete Frage. Die Minderheit, die hier gemeint ist, nennt sich auf polnisch, wörtlich ins Deutsche übersetzt, Schlesier. Gemeint ist hier aber nicht der deutsche Teilstamm der Schlesier. Wenn man im Deutschen den Begriff "Schlesier" verwendet, denkt man automatisch an diesen Teilstamm, der ja ähnlich wie die Pommern, die Thüringer oder die Mecklenburger kein eigenes Volk darstellt. Für die hier gemeinte Bevölkerung wurde Ende des vorigen Jahrhunderts von Josef Kozdon und Theodor Haase im Deutschen der Name "Schlonsaken" eingeführt, manchmal werden sie auch "Schlasaken" genannt. Es handelt sich um die lautliche Wiedergabe des polnischen bzw. wasserpolnischen Wortes für Schlesier. Gemeint sind die polnischsprachigen Oberschlesier, die sich aufgrund der eigenen Kultur und Geschichte nicht dem polnischen Kulturkreis zurechnen.
Außer den in dem Artikel genannten Minderheiten von Deutschen und Ukrainern gibt es in Polen eine Reihe von weiteren ethnischen Minderheiten. Die Polen wollen dies einerseits nicht wahrhaben, weil alle diese Minderheiten eng mit dem polnischen Staatsvolk verwandt sind, stellen aber andererseits einzelne Minderheiten für folkloristische Werbung in den Vordergrund. Zu diesen Minderheiten zählen die Kaschuben, die Slowinzen, die Masuren, die Goralen, die Morawzen und eventüll auch die Schlonsaken/Oberschlesier. Am bekanntesten ist wahrscheinlich heute die Minderheit der Goralen. Sie wohnen in der Hohen Tatra südlich von Krakau und sprechen eine Sprache, die als Dialekt des Polnischen angesehen wird.
Dass das Kaschubische hingegen eine eigene Sprache ist, wird auch von den Polen meist anerkannt. Man unterscheidet das Nordkaschubische, das dem Polnischen näher steht, und das Südkaschubische, das sich vom Polnischen stärker abgrenzt. Über einen Bekannten, dessen Vorfahren Deutsche aus Westrpreußen sind, habe ich von einem Kaschuben einige Bücher in kaschubischer Sprache mit deutscher Übersetzung erhalten. Trotzdem ist es für die Kaschuben aufgrund ihres engen Zusammenhangs mit dem deutschen Kulturkreis sehr schwer, ihre Identität aufrechtzürhalten. Viele haben sich endgültig für das Deutschtum entschieden. Von den Kaschuben gab es vor einigen Jahren in Pomerellen noch über 100.000. Die Slowinzen sprechen die kaschubische Sprache, und zwar einen nordkaschubischen Dialekt (Lebakaschubisch). Im Gegensatz zu den katholischen Kaschuben sind die Slowinzen aber evangelisch, ihr Siedlungsgebiet hat sich früher bis nach Pommern erstreckt. Von den Slowinzen ist nur eine sehr geringe Zahl in der Heimat geblieben.
Die Morawzen sprechen einen tschechischen bzw. mährischen Dialekt und sind im heutigen Oberschlesien in sehr geringer Zahl ansässig.
Die Masuren sprechen Polnisch, nämlich den masurischen Dialekt der polnischen Sprache, wurden aber durch die lange preußische Geschichte, die deutsch geprägte Kultur, die evangelische Religion und ihr Zugehörigkeitsgefühl zum preußischen/deutschen Staat zu einem eigenen Volk, das sich nicht als polnischer Teilstamm empfindet. Im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts gingen viele Masuren zum Gebrauch der deutschen Sprache über, so dass es 1925 nur noch 41.375 Personen mit masurischer Muttersprache und 23.913 Zweisprachige gab. Schließlich sind die Masuren dadurch fast völlig untergegangen, dass sie sich teilweise trotz ihrer Sprache als Deutsche empfanden und vertrieben wurden. Reste sind aber im südlichen Ostpreußen noch vorhanden.
Ähnlich wie den Masuren erging es auch den polnischsprachigen Oberschlesiern, mit den Unterschieden, dass sie zum Teil im Bergbau gebraucht wurden und dass sie dem Polentum teilweise durch die katholische Religion enger verbunden sind als die Masuren. Die in dem Artikel als Schlesier bezeichneten Menschen sprechen Polnisch, sie oder ihre Vorfahren haben nie Deutsch als Muttersprache gehabt. Unter den polnischsprachigen Oberschlesiern kam es zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts und zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zu einer politischen Spaltung, durch die die Identitätsfrage auf die Frage polnisch oder deutsch verengt wurde und die Frage einer eigenen Identität völlig überdeckt wurde. Im Gegensatz zu der Mehrzahl der polnischen Oberschlesier, die sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts um den Reichstagsabgeordneten Wojciech Korfanty sammelte und etwa 30-40 % der Bevölkerung Oberschlesiens ausmachte, sahen und sehen sich die sogenannten Schlonsaken aufgrund ihrer engen Verbindung zum deutschen Kulturkreis nicht als Polen, sondern als ein eigenes Volk an. Schätzungsweise rechneten sich im Jahr 1910 etwa 20 % der Bevölkerung Oberschlesiens trotz ihrer polnischen Muttersprache dem deutschen Kulturkreis zu (außerdem gab es 1910 etwa 45 % deutschsprachige Oberschlesier). Die Übergänge sind und waren aber fließend, da die Übernahme der deutschen Kultur regional unterschiedlich stark ausgeprägt war und das Bewusstsein einer eigenen, durch die regionale, österreichische und preußische Geschichte geprägten Kultur ebenfalls unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Durch die Auseinandersetzung um Oberschlesien nach dem Ersten Weltkrieg wurden die polnischsprachigen Oberschlesier gezwungen, sich entweder für das Deutschtum oder für das Polentum zu entscheiden. Die sogenannten Schlonsaken stimmten für Deutschland, wurden aber als eigene Bevölkerungsgruppe kaum wahrgenommen und zwischen den Fronten zerrieben.
Die Geschichte und die Identitätsfindung der polnischsprachigen Oberschlesier finde ich besonders interessant, zumal die Identitätsfindung bis heute noch keinen Abschluss gefunden hat. Da auch ein Teil meiner Vorfahren slawischstämmig war, man sich aber in dieser Verwandtschaft ganz entschieden von den Polen abgegrenzt hat, sind die Fragen von zwischen den Nationen stehenden Bevölkerungsteilen auch für meine Ahnenforschung bedeutsam.       


Autor: P.E.

Auf folgende Internetseiten  zu diesem Thema sei speziell hingewiesen. Auf diesen Seiten wird die Frage der Identität der Oberschlesier teilweise abweichend von diesem Kommentar erörtert:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/TAGBER/stka1100.htm

http://www.ahf-münchen.de/Tagungsberichte/Berichte/htm/2000/74-00.htm

Zu den Kaschuben:
http://home.t-online.de/home/glee-family/Kaschuben.html

http://www.kaszubia.com/

Auf ein Buch, in dem es auch speziell um die sogenannten Autochthonen geht, wird auf folgender Internetseite  hingewiesen:
http://www.uni-marburg.de/herder-institut/verlag/reihen/qüllen4.html

Im Juni 2003 fand auch eine interessante Tagung zu diesem Thema statt. Informationen darüber finden Sie auf folgender Internetseite (auf der auch der Begriff Schlonsaken genannt wird).
http://www.uni-marburg.de/herder-institut/forum/konferenzen/Workshop4.pdf

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Publikationsstand dieser Seite:15/06/08

 

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