
Tore Marke Oberschlesien
Von Harald Pistorius
Klagenfurt/Tenero.
Am Ende trug Lukas Podolski das rote Trikot der Polen. „Uns bestraften – die Polen“, jammerte eine Zeitung nach dem 0:2 gegen Deutschland. Groß war die Klage, dass ja eigentlich zwei Landsleute – Miroslav Klose und eben Podolski – entscheidend für den 2:0-Sieg der deutschen Mannschaft gewesen waren. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht, eher spiegelt sich in diesen Fußballer-Schicksalen ein Stück der wechselvollen und oft schmerzlichen deutsch-polnischen Geschichte.

| Gute Laune beim Verwandtschaftsbesuch: Lukas Podolski nach dem 2:0-Sieg im polnischen Trikot auf der Tribüne Foto: dpa |
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Ganz verhalten jubelte Lukas Podolski, aus Respekt vor dem Land, in dem er geboren wurde. „Ich habe eine sehr große Familie in Polen, bin dort geboren. Daher muss man auch ein bisschen Respekt für das Land haben“, sagte er. Nach dem Schlusspfiff war Podolski auf die Tribüne geklettert, zu Freunden und Familie, die alle in rot-weißen Schals den Polen die Daumen gedrückt hatten.
Doch so, wie Podolski polnische Wurzeln hat, hat seine Familie deutsche. Podolski wurde in Gleiwitz/Oberschlesien (Gliwice) geboren, er kam mit seinen Eltern als Zweijähriger nach Deutschland. Die Großeltern des Nationalspielers waren Deutsche, große Teile Oberschlesiens gehörten vor dem Zweiten Weltkrieg zu Deutschland. Deshalb durften Hunderttausende Spätaussiedler später das kommunistische Polen verlassen.
So kam auch 1987 die Familie Klose aus dem oberschlesischen Oppeln (Opole) ins Aufnahmelager Friedland – mehr als „Ja“ und „Danke“ konnte Miroslav, Sohn eines polnischen Erstligafußballers und einer polnischen Handballnationalspielerin, nicht sagen. Wie stolz die Region Oberschlesien heute auf ihre deutschen Nationalspieler ist, zeigt eine Ausstellung über oberschlesische Fußballer, die das Haus für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit zur WM 2006 gezeigt hat und die derzeit in Berlin zu sehen ist. Kloses Vater Josef sagte bei dieser Gelegenheit: „Ich bin Schlesier und Europäer, und alles, was Mirek im Fußball erreicht hat, hat er deutschen Clubs zu verdanken.“
Drei polnische Trikots mit der Nummer 10 und dem Namen „Podolski“ auf dem Rücken soll der damalige Nationaltrainer Pawal Janas nach Köln-Bergheim geschickt haben – damals, als ein Wechsel von „Prinz Poldi“ in die polnische Fußball-Nation nach den Statuten des Weltverbandes noch möglich gewesen wäre. Doch Podolski musste nicht lange überlegen, nach dem 2:0 am Sonntag sagte er: „Als Fußballer bin ich in Deutschland groß und bekannt geworden – deshalb gab es für mich nur ein Ziel, dass wir gewinnen.“
Der Pole Jacek Krzynowek lächelte nach der Niederlage säuerlich, als er nach dem Unterschied zwischen beiden Teams gefragt wurde: „Die Deutschen hatten Podolski und Klose. Es tut besonders weh, wenn man weiß, dass sie in Polen geboren wurden. Aber sie haben sich anders entschieden, so ist eben das Leben.“ Damit sich das ändert, hat der polnische Verband Scouts und Betreuer eingesetzt, die Fußballer mit polnischen Wurzeln in anderen Ländern im Auge behalten sollen.
Dabei ist die Tradition deutsch-polnischer Fußballer lang. Harald Konopka, ebenfalls geboren in Gleiwitz, spielte in den siebziger Jahren für den 1. FC Köln in der Bundesliga und wurde Nationalspieler. Später kamen Martin Max, Paul Freier, Dariusz Wosz oder Piotr Trochowski. Doch das waren nicht die Anfänge. „Die polnische Mannschaft ist Deutscher Meister geworden“, schrieb eine Warschauer Zeitung, als der FC Schalke 04 1934 den Titel gewann – mit Spielern wie Fritz Szepan (vorher: Szczepan), Allan Urban und Ernst Kuzorra, deren Familien mit Hundertausenden aus Schlesien ins Ruhrgebiet gekommen waren, wo der florierende Bergbau Arbeitskräfte brauchte. Und in den fünfziger Jahren prägten die Szymaniaks, Tilkowskis und Kwiatkowskis den Ruhrgebietsfußball.
Die tragischste Fußballfigur der deutsch-polnischen Geschichte ist Ernst Willimowski. Geboren 1916 im oberschlesischen Kattowitz, wurde er zum besten Fußballer Polens, schoss bei der WM 1938 bei der 5:6-Niederlage gegen Brasilien vier Tore. Als die Nazis nach Polen einmarschierten, nahm der schlitzohrige lebenslustige Stürmer die deutsche Staatsbürgerschaft an und trug das Nationaltrikot des DFB mit dem Hakenkreuz. Das verziehen ihm die Polen nicht, sie strichen Willimowski aus allen Statistiken. Nach dem Krieg spielte der Mann mit dem Potenzial zum Weltstar in Deutschland, nach Polen traute er sich nicht mehr, 1997 starb er vergessen in seiner Wahlheimat Karlsruhe. Inzwischen ist er in Polen rehabilitiert – und wird als polnischer Fußballer von Weltrang fast genauso vereinnahmt wie jetzt Podolski. Ein Buch („Die Lebensgeschichte des Altnationalspielers Ernst Willimowski“) erzählt aus seinem aufregenden Leben.
Auch über Lukas Podolski gibt es ein Buch. Der Titel: „Ich mach das Ding rein und fertig!“
Bericht aus der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 10.06.2008