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„Das ist barbarisch, fast wie im Mittelalter"

In Niederschlesien buddeln Arbeitslose illegal nach Kohle

 

Von Dieter Wulf

Waldenburg, 4.4.

 

Die Landschaft sieht aus, als habe ein überdimensionaler Maulwurf sich hier zu schaffen gemacht. Bis zum Horizont türmt sich die Erde alle paar Meter zu einem Haufen, daneben jeweils ein Erdloch. Plötzlich schiebt sich ein kräftiger Mann langsam aus der Tiefe nach oben. Das Gesicht völlig verschmiert. So wie er graben hier etwa 1.500 illegale Bergleute mit primitivsten Mitteln nach Kohle. Verhältnisse wie vor hunderten von Jahren.

Langsam schiebt er einen Sack mit dem begehrten Brennstoff an die Oberfläche. Im Inneren hört man das pochen von Hacke und Schaufel. Die Gänge dort unten sind so niedrig, dass man nur kriechend vorwärts kommt. Primitiv gezimmerte Holzbalken versuchen die Schächte dem Einsturz zu schützen. „Natürlich Ist das alles nicht professionell und extrem gefährlich", warnt Ryszard Mocek von der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc. Vier Männer seien in den letzten Jahren bereits verstorben, weil die primitiven Stollen über ihnen einstürzten. „Aber geändert hat das auch nichts." Hin und wieder kommt die Polizei vorbei, aber dann bleiben die Kohlengräber einfach in ihren Stollen. Schließlich müssten die Staatsdiener ja selber da reinkriechen, um die arbeitslosen Kohlediebe zu verhaften. Das aber ist ihnen einfach zu gefährlich.

Jahrzehntelang hatte auch Ryszard Mocek im niederschlesischen Waldenburg, dem heutigen Walbrzych, in der Nähe der polnisch-tschechischen Grenze nach Kohle gegraben. „Anfang der 90er Jahre waren hier noch 15.000 Kohlekumpel beschäftigt“, sagt der große kräftige Mann, und wie zum Beweis präsentiert er einige Fotos, die ihn und hundert andere Bergleute zeigen, wie sie damals gegen die Schließung der Zeche demonstrierten. Doch das half alles nichts. „Der Kohleabbau war hier mittlerweile viel zu teür."

Noch heute leidet die Stadt massiv unter dem Zusammenbruch des größten Arbeitgebers. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, eine der höchsten Zahlen in ganz Polen. Doch darin sieht Dariusz Kasprowicz, Leiter der Marketing-Abteilung der örtlichen Sonderwirtschaftszone, hauptsächlichsächlich den Vorteil für ausländische Investoren. Seit sich vor einiger Zeit auch der japanische Autohersteller Toyota hier niedergelassen habe, schwärmt der knapp 30-jährige polnische Manager, -würden sich immer mehr Unternehmen für diesen Standort nahe der deutschen Grenze interessieren. Dafür sicherte man jedem ausländischen Unternehmen eine völlige Steürbefreiung für 20 Jahre zu. Ein lukratives Angebot, das mittlerweile auch schon etliche deutsche Autozulieferer überzeugt hat.

In dem neün Industriepark entstanden so zwar in wenigen Jahren etliche High-Tech-Betriebe, doch die Arbeit wird weitgehend von Computern gesteürt. An der Zahl der Arbeitslosen ändert sich fast nichts. Besonders wenig qualifizierte haben hier nur geringe Chancen. Für uns gibt´s hier einfach nichts anderes als das hier“, sagt einer der Männer auf die Frage , warum er hier unter solchen Bedingungen schuftet, und zuckt resigniert mit den Schultern. Vor etwa vier Jahren fing das an. Etwas außerhalb der Stadt liegt die Kohle nur wenige Meter unter der Oberfläche, und so begannen viele aus Mangel an Alternativen nach billigem Brennstoff zu buddeln.

Natürlich gebe es auch bei Ihnen noch andere Möglichkeiten, betont Iwona Magiewska. Die zierliche Frau leitet das Arbeitsamt In Waldenburg und verweist darauf, dass man schließlich sogar ein spezielles ABM-Programm für diese Leute geschaffen habe. Doch trotz allem geht der Illegale Kohleabbau im großen Stil weiter, vermutlich aus purer Armut, wie auch die Frau vom Arbeitsamt letztlich zugibt. Eine Lösung hat auch sie nicht und zuckt nur mit den Schultern bei der Frage, was denn zu tun sei. „Wenn ich das wüsste, wär ich schon längst Minister", sagt sie und lacht etwas verlegen. Mit Bestrafung, da ist die gelernte Psychologin sich sicher, könne man auf jeden Fall gar nichts erreichen. „Wenn sie sich nicht dadurch abschrecken lassen, dass sie dabei sterben können, was für abschreckende Strafen soll es da noch geben?"

„Das ist doch barbarisch, fast wie im Mittelalter", schimpft Ryszard Mocek, aber irgendwie hat er auch Verständnis für den organisierten Kohleklau. Schließlich sei das ja noch die verträglichste Lösung. Anderswo, in Oberschlesien, da würden viele die offiziell geförderte Kohle einfach stehlen. Aber hier, findet er, kratzten die Leute ja sowieso nur noch das aus der Erde, was sowieso nicht mehr gefördert würde.

Doch solche moralischen Fragen interessieren die arbeitslosen Kohlekumpel längst nicht mehr. Früher, da habe er Straßen gebaut, aber so jemand wie ihn, den nehme einfach niemand mehr, erzählt einer der Kohlediebe. Älter als 35 darf man heute eben nicht mehr sein, wenn man bei den neuen schicken Firmen am anderen Ende der Stadt anklopfen will." Er aber sei eben schon über 40. Auf den Staat zu hoffen, das habe er längst aufgegeben, genauso wie jegliche Hoffnung auf die Zukunft. „Ich denke immer nur noch daran, wie ich heute mein Essen organisiere. Wer weiß, was morgen ist."

 

Hintergrundbericht der Neuen Osnabrücker Zeitung vom 05.April 2004

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Publikationsstand dieser Seite:15/06/08

 

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