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Schlesier wollen Volk sein
Minderheit in Polen klagt beim Europäischen Gerichtshof
Von Gabriele Lesser
Warschau, 3. 7. (Eigenb.)
In Polen lebt eine nationale Minderheit, von der bislang niemand wusste. Und nicht nur das. Zur Überraschung der meisten Polen sind die bekennenden Schlesier die grösste Minderheit im Land überhaupt. Das brachte die letzte Volkszählung ans Licht: 173 000 Menschen bekennen sich zur „schlesischen Nationalität“. Damit verweisen sie die Deutschen (153 000) auf den zweiten und die Weissrussen (49 000) auf den dritten Platz.
Polens grösste Zeitung Gazeta Wyborcza konnte es nicht fassen: „Wo kommen die denn her?", fragte sie entgeistert. Ärgerlich ist aus Sicht der Polen auch, dass die Schlesier Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingelegt haben. Seit Dienstag befassen sich die Richter in Straßburg mit der Frage, was eine nationale Minderheit ausmacht und ob Schlesier, die sich weder als Polen noch als Deutsche fühlen, sie darstellen.
Im Wendejahr 1990, als Polen wieder zur Demokratie zurückfand, sprossen Minderheitenorganisationen wie Pilze aus dem Boden. Die meisten Oberschlesier organisierten sich in Verbänden der Deutschen. Doch die Politik der Schlesierverbände in der Bundesrepublik schreckte viele Schlesier in Polen ab. Sie wollten sich nicht gegen den Staat instrumentalisieren lassen. Zudem lag ihnen an einem guten Auskommen mit den Nachbarn. Wer also nicht intensiv deutsch fühlte, hielt den Lokalpatriotismus hoch.
1997 liessen Intellektülle den „Verband der Bevölkerung schlesischer Nationalität" beim Gericht in Kattowitz registrieren. Sie strebten eine Autonomie der Region wie im Vorkriegspolen der Jahre 1920 bis 1939 an: mit eigenem Parlament und eigenem Haushalt. Polnisch und Deutsch waren gleichberechtigte Amtssprachen.
Doch nach einer heissen Debatte um die „schlesische Identität“ hob das Gericht die Zulassung des Verbandes wieder auf. Die Begründung: Es gebe „keine schlesische Nationalität“. 1998 bestätigte der Oberste Gerichtshof in Warschau diese Entscheidung. Mit Riesenlettern feierte das damals die Gazeta Wyborcza: “Es gibt kein schlesisches Volk!“ und der Kommentator setzte hinzu: „Ach wie gut!“.
Der Streit, der auf den ersten Blick absurd anmutet, wirkt weniger abenteürlich, wenn man die Schlesier mit Kurden oder Basken vergleicht. In Polen erklärt bis heute kein Gesetz, was eine nationale Minderheit ausmacht. Diese Gesetzeslücke nutzt Jerzy Gorzcelik, der Gründer des nunmehr illegalen Verbandes, um der Region zu mehr Rechten zu verhelfen. Er knüpfte seine Forderung nach schlesischer Autonomie auf eine Regelung, die sich im Vorkriegspolen bewährt hatte: Würden Schlesier als Minderheit anerkannt, könnten sie Abgeordnete ins Parlament schicken, ohne bei Wahlen die Fünfprozenthürde nehmen zu müssen.
Hintergrundbericht der Neün Osnabrücker Zeitung vom 04. Juli 2003
Oberschlesier bestehen auf einer eigenen Kultur
Europäischer Gerichtshof lehnt aber Nationalität ab
Von Eva Krafczyk
Warschau, 19. 2. (dpa)
Jerzy Gorzelik, Leiter der Bewegung für Autonomie Schlesiens (RAS), hat keinen Grund, die gelb-blaü Fahne seiner oberschlesischen Heimat zu schwenken, Gerade hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte den polnischen Behörden Recht gegeben. Es gebe keine Nationalität der Oberschlesier, entschieden die Richter. Eine Einspruchsmöglichkeit gibt et nicht „Damit ist die Frage eines schlesischen Nationalgefühls nicht abgeschlossen", meint Gorzelik beinahe trotzig.
Für die polnischen Behörden wie auch für die Straßburger Richter sind die Menschen in den oberschlesischen Regionen Kattowitz und Oppeln, die seit 1997 um die Anerkennung als nationale Minderheit streiten, eine Mischbevölkerung - ethnische Polen oder Deutsche, je nach sprachlich-kultureller Bindung, aber keine eigene Nationalität wie die Sorben oder Lemken.
Doch 173.000 Menschen sahen das bei der Volkszählung vor zwei Jahren anders. Sie bekannten sich im Fragebogen zu einer oberschlesischen Nationalität, die darin überhaupt nicht aufgelistet war. Die Bevölkerungsgruppe mit der von Ihr beanspruchten Nationalität, die es nicht geben sollte, wurde mit ihrem Bekenntnis zur oberschlesischen Eigenständigkeit zur grössten Minderheit, Nur knapp 153.000 Menschen bekannten sich seinerzeit zur deutschen Nationalität, die Weissrussen folgten mit knapp 49.000.
Die Menschen in anderen Landesteilen Polens hören den »richtigen Oberschlesiern" ihre Herkunft schnell an. Denn in deren Polnisch mischen sich allzu sehr deutsche und tschechische Ausdrücke, Erbe der Vielvölkerregion. Mit ihrem arbeitsamen Naturell können sie sich mit vielen Ihrer polnischen Landsleute so gar nicht identifizieren. Einen deutschen Pass beantragen und nach Deutschland auswandern wollen sie auch nicht. Denn sie fühlen sich weder als Polen noch als Deutsche, sondern als Minderheit mit eigener Sprache, Tradition und Kultur.
Zwischen den Nationalitäten stehen die Oberschlesier nicht zum ersten Mal. Als Polen nach dem Ersten Weltkrieg wieder als unabhängiger Staat entstand, gerieten sie zwischen die Fronten. In einer Volksabstimmung, in der sich Deutschland und Polen gegenseitig der Fälschung bezichtigten, sollten sie für Deutschland oder Polen votieren. Die Wahlentscheidung entzweite Familien und Nachbarn. Wer sich im Zweiten Weltkrieg auf die deutsche Volksliste setzen liess, galt nach 1945 als Verräter. Lange waren die so genannten Autochthonen, die alteingesessenen Oberschlesier, Repressalien ausgesetzt.
Hintergrundbericht der Neün Osnabrcker Zeitung vom 20. Februar 2004
„Das ist barbarisch, fast wie im Mittelalter"
In Niederschlesien buddeln Arbeitslose illegal nach Kohle
Von Dieter Wulf
Waldenburg, 4.4.
Die Landschaft sieht aus, als habe ein überdimensionaler Maulwurf sich hier zu schaffen gemacht. Bis zum Horizont türmt sich die Erde alle paar Meter zu einem Haufen, daneben jeweils ein Erdloch. Plötzlich schiebt sich ein kräftiger Mann langsam aus der Tiefe nach oben. Das Gesicht völlig verschmiert. So wie er graben hier etwa 1.500 illegale Bergleute mit primitivsten Mitteln nach Kohle. Verhältnisse wie vor hunderten von Jahren.
Langsam schiebt er einen Sack mit dem begehrten Brennstoff an die Oberfläche. Im Inneren hört man das pochen von Hacke und Schaufel. Die Gänge dort unten sind so niedrig, dass man nur kriechend vorwärts kommt. Primitiv gezimmerte Holzbalken versuchen die Schächte dem Einsturz zu schützen. „Natürlich Ist das alles nicht professionell und extrem gefährlich", warnt Ryszard Mocek von der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc. Vier Männer seien in den letzten Jahren bereits verstorben, weil die primitiven Stollen über ihnen einstürzten. „Aber geändert hat das auch nichts." Hin und wieder kommt die Polizei vorbei, aber dann bleiben die Kohlengräber einfach in ihren Stollen. Schließlich müssten die Staatsdiener ja selber da reinkriechen, um die arbeitslosen Kohlediebe
zu verhaften. Das aber ist ihnen einfach zu gefährlich.
Jahrzehntelang hatte auch Ryszard Mocek im niederschlesischen Waldenburg, dem heutigen Walbrzych, in der Nähe der polnisch-tschechischen Grenze nach Kohle gegraben. „Anfang der 90er Jahre waren hier noch 15.000 Kohlekumpel beschäftigt“, sagt der große kräftige Mann, und wie zum Beweis präsentiert er einige Fotos, die ihn und hundert andere Bergleute zeigen, wie sie damals gegen die Schließung der Zeche demonstrierten. Doch das half alles nichts. „Der Kohleabbau war hier mittlerweile viel zu teür."
Noch heute leidet die Stadt massiv unter dem Zusammenbruch des größten Arbeitgebers. Mehr als 30 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos, eine der höchsten Zahlen in ganz Polen. Doch darin sieht Dariusz Kasprowicz, Leiter der Marketing-Abteilung der örtlichen Sonderwirtschaftszone, hauptsächlichsächlich den Vorteil für ausländische Investoren. Seit sich vor einiger Zeit auch der japanische Autohersteller Toyota hier niedergelassen habe, schwärmt der knapp 30-jährige polnische Manager, -würden sich immer mehr Unternehmen für diesen Standort nahe der deutschen Grenze interessieren. Dafür sicherte man jedem ausländischen Unternehmen eine völlige Steürbefreiung für 20 Jahre zu. Ein lukratives Angebot, das mittlerweile auch schon etliche deutsche Autozulieferer überzeugt hat.
In dem neün Industriepark entstanden so zwar in wenigen Jahren etliche High-Tech-Betriebe, doch die Arbeit wird weitgehend von Computern gesteürt. An der Zahl der Arbeitslosen ändert sich fast nichts. Besonders wenig qualifizierte haben hier nur geringe Chancen. Für uns gibt´s hier einfach nichts anderes als das hier“, sagt einer der Männer auf die Frage , warum er hier unter solchen Bedingungen schuftet, und zuckt resigniert mit den Schultern. Vor etwa vier Jahren fing das an. Etwas außerhalb der Stadt liegt die Kohle nur wenige Meter unter der Oberfläche, und so begannen viele aus Mangel an Alternativen nach billigem Brennstoff zu buddeln.
Natürlich gebe es auch bei Ihnen noch andere Möglichkeiten, betont Iwona Magiewska. Die zierliche Frau leitet das Arbeitsamt In Waldenburg und verweist darauf, dass man schließlich sogar ein spezielles ABM-Programm für diese Leute geschaffen habe. Doch trotz allem geht der Illegale Kohleabbau im großen Stil weiter, vermutlich aus purer Armut, wie auch die Frau vom Arbeitsamt letztlich zugibt. Eine Lösung hat auch sie nicht und zuckt nur mit den Schultern bei der Frage, was denn zu tun sei. „Wenn ich das wüsste, wär ich schon längst Minister", sagt sie und lacht etwas verlegen. Mit Bestrafung, da ist die gelernte Psychologin sich sicher, könne man auf jeden Fall gar nichts erreichen. „Wenn sie sich nicht dadurch abschrecken lassen, dass sie dabei sterben können, was für abschreckende Strafen soll es da noch geben?"
„Das ist doch barbarisch, fast wie im Mittelalter", schimpft Ryszard Mocek, aber irgendwie hat er auch Verständnis für den organisierten Kohleklau. Schließlich sei das ja noch die verträglichste Lösung. Anderswo, in Oberschlesien, da würden viele die offiziell geförderte Kohle einfach stehlen. Aber hier, findet er, kratzten die Leute ja sowieso nur noch das aus der Erde, was sowieso nicht mehr gefördert würde.
Doch solche moralischen Fragen interessieren die arbeitslosen Kohlekumpel längst nicht mehr. Früher, da habe er Straßen gebaut, aber so jemand wie ihn, den nehme einfach niemand mehr, erzählt einer der Kohlediebe Älter als 35 darf man heute eben nicht mehr sein, wenn man bei den neün schicken Firmen am anderen Ende der Stadt anklopfen will." Er aber sei eben schon über 40. Auf den Staat zu hoffen, das habe er längst aufgegeben, genauso wie jegliche Hoffnung auf die Zukunft. „Ich denke immer nur noch daran, wie ich heute mein Essen organisiere. Wer weiß, was morgen ist."
Hintergrundbericht der Neün Osnabrücker Zeitung vom 05.April 2004
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